In Hütteldorf ist an diesem Advent-Samstag etwas passiert, was es in der Bundesliga-Geschichte noch nie gegeben hat: Rapid verliert im eigenen Wohnzimmer mit 1:2 gegen die SV Oberbank Ried – im 44. Heimspiel gegen die Innviertler setzt es die allererste Niederlage.

Vor 13.537 Zuschauern im Allianz Stadion bringt Louis Schaub die Grün-Weißen mit einem Traumtor in Front, doch Oliver Steurer und Philipp Pomer drehen die Partie – ausgerechnet in einer Phase, in der Rapid das Spiel eigentlich im Griff hat. Die dritte Liga-Pleite in Serie, die vierte Pflichtspielniederlage insgesamt, drückt die Stimmung in Hütteldorf endgültig auf den Nullpunkt.

Ein Traumtor – und der Anfang vom Ende

Rapid beginnt unter Interimscoach Stefan Kulovits im offensiven 4-3-3, muss aber früh umstellen: Jonas Auer scheidet nach einem Zusammenprall mit einer Kopfverletzung aus, Youngster Amin Gröller kommt zu seinem Bundesliga-Debüt.

Ried, ohne Topscorer Kingstone Mutandwa, steht tief, lauert auf Standards und Nadelstiche. Die ersten Pfiffe sind bereits zu hören, als Claudy Mbuyi eine Kopfball-Topchance liegen lässt. Dann zeigt Rapid plötzlich, was eigentlich möglich wäre: Gulliksen steckt durch, Nosa Dahl legt quer, Schaub zieht aus rund 13 Metern an und zirkelt den Ball ins linke Kreuzeck – ein Abschluss für die Highlight-Clips der Runde. 

Der Jubel hält aber keine zehn Minuten. Nach einem Einwurf verteidigt Rapid schlampig, die Kugel flippert durch den Strafraum, Peter Kiedl verlängert und Innenverteidiger Oliver Steurer drückt zum 1:1 ein. Wieder einmal ist es ein Rieder Standard, der Rapid richtig weh tut. 

Rapid drückt – Ried trifft

Nach der Pause kommt Rapid mit ordentlich Wut im Bauch aus der Kabine. Aus meiner Sicht ist das die beste Phase der Hütteldorfer: Schaub hat die Riesenchance zum 2:1, jagt die Direktabnahme aber über das Tor, Dahl verzieht aus guter Position, Amane trifft sogar die Stange.

Dann folgt die Szene, die den Abend endgültig kippen lässt. Nenad Cvetkovic versucht an der Seitenlinie, einen Ball im Spiel zu halten, statt ihn einfach ins Aus zu klären. Joker Joris Boguo spekuliert, zieht in den Strafraum und wird von Goalie Paul Gartler gelegt. Den fälligen Elfmeter verwertet Philipp Pomer eiskalt zum 1:2 – historischer Moment für Ried, Super-GAU für Rapid. 

Kulovits reagiert, geht früh „all in“, bringt gleich mehrere Stürmer, stellt auf ein extrem mutiges 3-4-3 um. Chancen kommen tatsächlich noch – unter anderem durch Mayer und Antiste – aber die Kugel will nicht mehr ins Tor. Ried verteidigt mit allem, was da ist, und bringt den ersten Bundesliga-Auswärtssieg bei Rapid über die Zeit.

Pfiffe, Transparente und Zorn in Grün-Weiß

Schon während der zweiten Halbzeit kippt die Stimmung vollends. Im Block West hängen kritische Transparente, Pfiffe begleiten nahezu jede missglückte Aktion, vereinzelt werden sogar Böller gezündet. Teile der Fans wenden sich demonstrativ von der Mannschaft ab – eine Szene, die man in Hütteldorf in dieser Intensität schon lange nicht mehr gesehen hat.

In der Kurve wird lautstark über die anhaltende Ergebniskrise, die Trainersuche und die Kaderzusammenstellung diskutiert. Der historische Eintrag in die Statistik – nach 43 ungeschlagenen Heimspielen gegen Ried setzt es im 44. Versuch die erste Pleite – wirkt dabei wie ein symbolischer Tiefpunkt.

Stefan Kulovits (Interimstrainer Rapid):

„Wir haben das Spiel selbst aus der Hand gegeben. Nach dem 1:0 müssen wir abgebrüht sein, stattdessen schenken wir Ried durch Standards und einen Elfer zwei Tore. Die Jungs investieren viel, aber im letzten Drittel fehlt uns die Klarheit – und defensiv sind die Fehler einfach brutal.“

Louis Schaub (Rapid-Torschütze, Mann des Spiels laut Statistik):

„Mein Tor ist heute komplett wertlos. Wir haben Chancen genug, um das Ding zuzumachen, und stehen am Ende wieder mit leeren Händen da. Die Pfiffe tun weh, aber ich verstehe, dass die Fans grantig sind. So darf man daheim einfach nicht auftreten.“

Maximilian Senft (Trainer SV Ried):

„Für den Verein ist das ein riesiger Abend. Rapid daheim zu schlagen, noch dazu im 44. Anlauf, das schreibt Geschichte. Wir haben defensiv sehr diszipliniert gearbeitet, sind nach der Pause mutiger geworden und nutzen dann genau die eine große Möglichkeit. Auf diese Mentalität bin ich stolz.“

Philipp Pomer (Siegtreffer per Elfmeter):

„Du hörst im Stadion diese unglaubliche Lautstärke, weißt, dass Rapid Druck macht – und dann gehst du zum Elferpunkt. Ich hab mir nur gedacht: heute bleiben wir cool. Dass der Ball drin ist und wir das 2:1 nach Hause bringen, fühlt sich einfach gewaltig an.“

Was diese Niederlage für Rapid bedeutet

Rapid bleibt zwar vorerst auf Platz vier, spürt aber den Atem der Verfolger im Nacken. Drei Bundesliga-Niederlagen am Stück, dazu die historische Heimpleite gegen einen Aufsteiger – die Krise ist nicht mehr wegzudiskutieren.

Die Trainersuche läuft ohnehin schon im Hintergrund; nach dieser Partie ist klar, dass der neue Chefcoach 2026 vom ersten Tag an unter enormem Druck stehen wird. Die Top-6, die Meistergruppe, sind plötzlich kein Selbstläufer mehr, sondern ein echtes Zittern-Projekt. Gleichzeitig sendet Ried mit dem zweiten Sieg in Folge ein starkes Signal im Kampf um die obere Tabellenhälfte.

Aus meiner Sicht ist dieses 1:2 mehr als nur ein Ausrutscher. Es ist der Abend, an dem sich die Stimmung zwischen Mannschaft und Kurve sichtbar verschärft hat – und an dem Ried gezeigt hat, dass man mit Mut, klarer Idee und maximaler Effizienz auch in Hütteldorf Geschichte schreiben kann.

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Kaynak: Foto: Yiğit ÖRME