Später Kara rettet Rapid im 349. Wiener Derby – Austria bringt den Vorsprung nicht über die Zeit

Später Kara rettet Rapid im 349. Wiener Derby – Austria bringt den Vorsprung nicht über die Zeit

Das 349. Wiener Derby hat keinen Sieger gefunden, aber dafür einmal mehr alles geliefert, was dieses Duell in Wien so besonders macht: Härte, Emotion, Fehler unter Druck, ein spätes Tor und zum Schluss Frust auf beiden Seiten. Austria Wien und der SK Rapid trennten sich in der Generali-Arena mit 1:1, ein Ergebnis, das im Titelrennen eigentlich niemandem wirklich hilft. Die Veilchen gingen nach einem Patzer von Rapid durch Kelvin Boateng in Führung, ehe Ercan Kara in der Schlussphase als Joker zuschlug und den Hütteldorfern doch noch einen Punkt rettete. Rapid bleibt damit Dritter, die Austria weiter in Lauerstellung dahinter.

Schon vor dem Anpfiff war klar, dass dieses Derby mehr ist als nur ein Stadtduell. Beide Teams wollten den Anschluss an Sturm Graz wahren, entsprechend vorsichtig und konzentriert begann die Partie. Das Spiel lebte anfangs weniger von Torchancen als von Intensität in den Zweikämpfen, von giftigen Duellen im Mittelfeld und von dem ständigen Gefühl, dass ein einziger Fehler alles verändern könnte. Genau so kam es dann auch.

Ein Fehler, der das Derby aufriss

Rapid hatte über weite Strecken der ersten Hälfte mehr Ball und wirkte zunächst etwas aktiver, doch richtig sauber wurde das Spiel der Gäste im letzten Drittel kaum. Die Austria wartete geduldig, lauerte auf Ballgewinne und auf jene Momente, in denen das Derby kippen kann. In der 34. Minute war es dann so weit: Nach einem schweren Fehler von Romeo Amane kam Kelvin Boateng an den Ball, lief alleine auf Niklas Hedl zu und verwertete eiskalt zum 1:0. Für die Austria war es genau das Spielbild, das man sich erhofft hatte. Für Rapid war es ein Nackenschlag, weil der Rückstand nicht aus einer Druckphase der Veilchen entstand, sondern aus einem selbst verschuldeten Geschenk.

Nach dem Führungstor hatte die Austria das Derby spürbar besser im Griff. Violett wirkte in dieser Phase geordneter, wacher und zielstrebiger. Rapid hatte zwar Ballbesitz, doch die besseren Momente lagen nun auf Seiten der Gastgeber. Noch vor der Pause gab es bereits Szenen, in denen die Austria nachlegen hätte können, während Rapid zu oft zwischen Spielkontrolle und Ideenlosigkeit pendelte. Es war eine erste Hälfte, in der nicht viel Platz da war, aber die Austria aus wenig mehr machte.

Austria näher am zweiten Tor, Rapid lange ohne Durchschlagskraft

Auch nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild zunächst nicht entscheidend. Die Austria blieb kompakt, verteidigte mit klaren Abständen und setzte weiter auf gezielte Vorstöße. Rapid kam nur schwer in jene Zonen, aus denen ein Derby kippen kann. Vieles wirkte bemüht, aber nicht zwingend. Die Veilchen hatten dagegen sogar die klareren Möglichkeiten, um den Deckel draufzumachen. Besonders bezeichnend war die Szene, als Abu Barry mit einem Schuss von der Strafraumgrenze die Latte traf und der Ball auf die Linie sprang. Später gingen auch Abschlüsse von Barry, Lee und weitere gefährliche Momente knapp am zweiten Treffer vorbei. Genau in dieser Phase hätte die Austria das Derby wohl entscheiden müssen.

Rapid brachte in der Folge frische Kräfte und versuchte, mehr Wucht in die Offensive zu bekommen. Ercan Kara, Yusuf Demir und Janis Antiste sollten dem Spiel der Hütteldorfer in der Schlussphase ein anderes Gesicht geben. Lange sah es aber nicht danach aus, als würde die Austria diesen Vorsprung noch aus der Hand geben. Rapid hatte mehr Präsenz als Präzision, mehr Hoffnung als echte Klarheit. Und doch blieb das Derby bis zuletzt offen – eben weil in solchen Spielen oft ein einziger Ball genügt.

Kara als Joker – und plötzlich steht alles wieder offen

In der 83. Minute kam dann jener Moment, der dieses Derby endgültig in Erinnerung halten wird. Bendegúz Bolla brachte den Ball in den Strafraum, Ercan Kara setzte sich entscheidend durch und drückte den Ball per Kopf über die Linie. Der Treffer fiel aus Austria-Sicht völlig zur Unzeit und war vor allem deshalb so bitter, weil die Veilchen die Partie bis dahin eigentlich gut kontrolliert hatten. Für Rapid war es dagegen der Lohn dafür, dass man trotz vieler Unsauberkeiten bis zum Schluss im Spiel blieb. Die letzten Minuten gehörten dann klar den Grün-Weißen, die nach dem Ausgleich plötzlich Momentum hatten, den späten Sieg aber nicht mehr erzwingen konnten.

Dass ausgerechnet Kara in einem Derby spät trifft, gab der Partie noch eine zusätzliche emotionale Schärfe. Nach dem Spiel sprach der Rapid-Stürmer offen davon, dass er ein „stolzer Rapidler“ sei und genau dazu stehe. Das passte zu einem Treffer, der sportlich wichtig war, aber auch emotional sofort Wirkung entfaltete. Auf Austria-Seite war die Enttäuschung naturgemäß groß, weil man den Derby-Hattrick gegen den Rivalen vor Augen hatte und ihn in den letzten Minuten noch hergab. 

Viel Frust bei Austria, Erleichterung bei Rapid

Nach dem Schlusspfiff war die Gefühlslage auf beiden Seiten entsprechend gegensätzlich. Bei der Austria überwog der Ärger deutlich. Stephan Helm sprach nach dem Derby davon, dass das Remis „natürlich ärgerlich“ sei – und genau so fühlte sich dieses 1:1 auch an. Lange hatte vieles dafür gesprochen, dass die Veilchen dieses Derby über die Linie bringen würden. Auch Manfred Fischer brachte die Stimmung auf den Punkt, als er den späten Ausgleich als „extremst bitter“ bezeichnete. Diese Aussagen spiegeln genau den Charakter des Spiels wider: Austria war näher am Sieg, ließ ihn aber im Finish liegen.

Bei Rapid war die Tonlage naturgemäß etwas anders. Johannes Hoff Thorup ordnete das Derby nach dem Schlusspfiff mit dem Satz ein, dass „jeder jeden schlagen kann“. Das klang weniger euphorisch als vielmehr nach einer nüchternen Einordnung eines Punktes, der sportlich vielleicht nicht alles löst, psychologisch aber sehr wohl Gewicht hat. Rapid nahm aus einem über weite Strecken schwierigen Derby zumindest noch etwas mit, während die Austria vor allem zwei verlorene Punkte spürte.

Boatengs Derby-Moment – und Bolla als auffällige Figur

Einer der Gewinner auf Austria-Seite war trotz des späten Ausgleichs Kelvin Boateng. Der Angreifer, der bei seinem Bundesliga-Startelfdebüt traf, sagte nach dem Spiel, er habe „lange auf diesen Moment gewartet“. Sein Tor war kaltschnäuzig, sein Auftritt insgesamt präsent. Auf Rapid-Seite wiederum war Bendegúz Bolla eine der auffälligsten Figuren, weil er nicht nur viel Präsenz auf seiner Seite hatte, sondern auch den Ball zum Ausgleich entscheidend in den Strafraum brachte. Dass er in vielen Matchbewertungen als einer der stärksten Rapidler auftauchte, passte zum Eindruck auf dem Platz.

Dazu kam auf Austria-Seite noch ein schöner Nebenaspekt: Florian Wustinger feierte nach seiner Einwechslung ein Comeback, das intern ebenfalls positiv wahrgenommen wurde. Gerade in einem Derby, das körperlich und mental so viel fordert, sind solche Rückkehrmomente oft mehr als nur Randnotizen. Sie gehen im Ergebnis schnell unter, bleiben für die Mannschaft aber trotzdem wichtig.

Ein Remis, das die Tabelle offen hält – aber niemanden satt macht

Unterm Strich bleibt ein Derby, das wieder einmal vor allem von seiner Dramaturgie lebte. Die Austria war über weite Strecken näher am Sieg, Rapid hatte dafür den stärkeren Schlusspunkt. Genau deshalb fühlt sich dieses 1:1 für beide Seiten unterschiedlich und doch unvollständig an. Die Veilchen werden sich fragen, warum sie aus ihrer Kontrolle und aus den besseren Chancen nicht mehr gemacht haben. Rapid wiederum wird wissen, dass der Punkt zwar wertvoll ist, die eigene Leistung davor aber über lange Phasen zu wenig zwingend war. Im Titelrennen bleibt damit alles eng, aber weder Austria noch Rapid durfte an diesem Abend das Gefühl mitnehmen, wirklich den großen Schritt gemacht zu haben.

So bleibt vom 349. Wiener Derby vor allem dieses Bild hängen: ein intensiver Nachmittag in Favoriten, ein eiskalter Boateng, ein spätes Kara-Kopfballtor und zwei Mannschaften, die nach dem Abpfiff wussten, dass dieses Unentschieden zwar lebt, aber nicht ganz glücklich macht. Genau deshalb war es ein echtes Wiener Derby.

Nachricht / Barış Öztürk
Foto / Yiğit Örme

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